Als der Wagen mit der Trikolore vorbei fährt, fängt die Menge an zu johlen. "Buy us back, Chirac" - kauf’ uns zurück, Chirac - steht da in großen Lettern neben einem Eiffelturm aus Pappe. Die ehemalige Kolonialmacht Frankreich als Retterin nach dem "Katrina"-Desaster: Eine größere Demütigung ist für die Regierung von US-Präsident George W. Bush kaum denkbar. Doch genau diese Art von Spott kommt bei den Leuten von New Orleans an. Tausende stehen an diesem eiskalten Februarabend im Touristenviertel French Quarter und feiern den Umzug des Karnevalsvereins "Krewe du Vieux". Manche bibbern im Campingstuhl mit einem Glas Rotwein oder Bier in der Hand, einige tanzen zu den Dixie-Klängen der Jazzband. Andere versuchen, möglichst viele der bunten "Mardi-Gras"-Ketten aufzufangen, die leicht bekleidete Mädels lachend unters Volks werfen. "Nach allem, was sie durchgemacht haben, schalten die Menschen schalten ab und genießen: Das gibt es nur einmal auf der Welt", sagt Edward, ein Musiker, der einen Hut mit Tigermuster trägt.
Sechs Monate nach "Katrina" ist Dampf ablassen Trumpf, und jeder bekommt sein Fett weg. Arbeiter der Katastrophenschutzbehörde Fema marschieren in weißen Overalls mit schwarzem Skelettaufdruck. Der Bürgermeister der Stadt, Ray Nagin, liegt mit nur einem Arm und einem Bein im Liegestuhl am Strand. "C’est Levee" lautet das Motto der Parade in Anspielung auf das französische Sprichwort "C’est la vie". Frei übersetzt: „Es ist Dammbruch“ - beißender Humor aus Pappmaché.
Mit einer Jetzt-erst-recht-Mentalität wollen die Bürger von New Orleans der Welt beweisen, dass sie noch da sind. "Wir dürfen bloß nicht das Signal aussenden, dass wir keinen Karneval mehr zustande bringen", warnt Errol Laborde, Herausgeber des Magazins "New Orleans". Kritische Stimmen hatten gefordert, dieses Jahr den "Mardi Gras" aus Rücksicht auf die Opfer des Wirbelsturms ausfallen zu lassen. Doch die Befürworter um Laborde & Co. haben sich durchgesetzt: Die Südstaaten-Metropole rüstet sich zum 150. Mal für den großen Showdown der Fröhlichkeit. Fast jeden Tag finden mehrere Umzüge mit bunt bemalten Motivwagen, Festen und Bällen statt. Die meisten der rund 30 Karnevalsgesellschaften müssen zwar mit der Hälfte ihrer Mitglieder vorlieb nehmen, weil viele wegen "Katrina" noch nicht zurückgekommen sind. Aber vor allem in der heißen Phase zwischen dem 24. und 28. Februar will New Orleans wieder seinen Ruf als "The Big Easy" aufpolieren. Der Geschäftsmann Blaine Kern lässt sogar 20 Zulu-Krieger aus Afrika für den "Zulu Social Aid and Pleasure Club" einfliegen, zu dem nur Schwarze Zutritt haben.
Das Zentrum der Stadt hat zumindest auf den ersten Blick wieder zu seiner alten Leichtigkeit zurückgefunden. Im French Quarter, das von "Katrina" weitgehend verschont geblieben ist, prangt an vielen Fenstern Glitterschmuck in den Karnevalsfarben Grün, Purpur und Gold. Auf dem Jackson Square, wo sich Straßenmusikanten, Gaukler und Artisten tummeln, lassen sich Liebespaare die Karten legen. Die Pagen der Luxushotels rufen auch der Lady mit dem Louis-Vuitton-Täschchen ein lässiges "Hi, baby" entgegen. Und in der Rambazamba-Meile Bourbon Street pulsiert das Leben schon fast wieder wie in alten Zeiten: Bis Mitternacht dröhnt die Musik der Jazz- und Bluesbands aus den Bars. Vor den zahlreichen Tabledance- und Striplokalen versuchen Animateure, Passanten ins Innere zu locken.
Im schrillen Amüsierbetrieb werden die brutalen Spuren von "Katrina" ausgeblendet. Dass derzeit nur 157 000 der ursprünglich 485 000 Einwohner in der Stadt am Mississippi leben, fällt hier nicht auf. Auch nicht, dass lediglich 19 der insgesamt 117 Schulen geöffnet haben und zwei Drittel der Ärzte noch nicht zurückgekehrt sind. Oder dass es immer noch Gebiete ohne Strom und Wasser gibt.
Doch selbst im French Quarter sind die Schatten der Katastrophe sichtbar. Viele Souvenirläden und Gaststätten verzeichnen wegen ausbleibender Touristen Umsatzeinbußen von mehr als 50 Prozent. "Das Geschäft läuft nur sehr langsam an", klagt der Kellner Javier Rosado vom Restaurant "Petunias". Früher haben die Leute bis zu einer Stunde vor dem gemütlichen Haus mit seinen rosa Wänden und Stuckdecken auf einen Platz gewartet. Heute bekommt jeder sofort einen Tisch. Die Gastronomen quält noch ein anderes Problem: Sie finden trotz satter Lohnangebote kein Personal. Viele Fachkräfte haben nach dem Sturm die Stadt verlassen. Und diejenigen, die geblieben sind, müssen sich mit explodierenden Mieten herumschlagen. "In Vierteln, die nicht überschwemmt wurden, haben sich die Preise zum Teil verdoppelt", unterstreicht Eugene Cizek, Architektur-Professor an der Tulane University.
Viele Firmen hoffen, dass der „Mardi Gras“ den großen Touristenstrom und damit den Durchbruch bringt. Ruben Barrios, Manager im Fischrestaurant "Ralph & Kacoo’s", hat einen Traum: "Nach dem Karneval steigt unser Umsatz um zehn Prozent, nach dem Internationalen Jazz-Festival Anfang Mai geht er noch einmal um zehn Prozent hoch. Und in zwei bis drei Jahren sind wir wieder da, wo wir vor ‚Katrina’ waren."
Die Stadtoberen zittern mit den Unternehmen, der Karneval ist schließlich ein riesiger Wirtschaftsfaktor. "In der Vergangenheit wurden während der Saison Brutto-Einnahmen von rund einer Milliarde Dollar erzielt", erklärt Erica Papillon vom Kongress- und Besucherbüro in New Orleans. Selbst wenn man dieses Jahr die Hälfte erreiche, sei das noch ein gutes Ergebnis. Immerhin stünden bereits 27 000 von insgesamt 35 000 Hotelzimmern zur Verfügung, so Papillon. Außerdem hätten rund 1000 der früher mehr als 3000 Restaurants wieder geöffnet.
Der Stadtteil Lakeview ist etwa zehn Kilometer vom French Quarter entfernt, doch dazwischen liegen Welten. Hier, wo das Wasser zwei Meter hoch stand, ist das Grauen noch allgegenwärtig. Am Straßenrand stapeln sich meterweise Trümmer aus Holz, Metall und Gips. Die 65-jährige Cora Derussy schüttelt immer wieder den Kopf, als sie durch ihr gelbes Haus in der Vicksburg Street 6163 läuft. An den Wänden hängt der Schimmel, der Boden ist voll zerborstener Kacheln und Schutt. Da, wo sich früher das Wohnzimmer befand, liegt ein einsamer Teddybär neben einem Haufen angefaulter Bücher. "Ich harrte zweieinhalb Tage auf dem Küchenbord aus, ehe sie mich und meine Colliehündin in einem Boot gerettet haben", sagt sie. Doch ein Wegzug kommt für die Sekretärin nicht in Frage. Sie hat bereits einen Spezialisten bestellt, der sie beraten soll. "Entweder wir renovieren, oder wir reißen alles ab und bauen wieder neu auf", meint sie. Dabei ist Cora noch relativ gut dran: Sie hat eine Hochwasser-Versicherung, die bereits 100 000 Dollar locker machte. In Lakeview, einem begehrten Viertel der oberen Mittelklasse, verfügen viele über ein derartiges Sicherheitsnetz. Die Stadtverwaltung rechnet daher damit, dass die Mehrzahl der evakuierten Einwohner wieder zurückkehren wird.
Ist die Lage in Lakeview schlimm, so erscheint sie im Lower Nineth Ward aussichtslos. Hier, wo vor allem ärmere Farbige lebten, bestehen viele Häuser nur noch aus Geröllwüsten. Autos stecken nach wie vor in Baumwipfeln fest, Strommasten versperren die Straße, Leitungen hängen lose herunter wie Lianen. Der Bezirk sieht aus, als wäre eine Tsunami-Welle über ihn hinweggedonnert. Den Luxus einer Hochwasser-Versicherung konnten sich hier nur die allerwenigsten leisten. Noch rund 60 Leichen sollen unter den Trümmern liegen, teilte das Bürgermeisteramt kürzlich mit. Die Stadt zögert allerdings, das Viertel aufzuräumen: Die Steuereinnahmen sind dramatisch geschrumpft, das Geld ist knapp. Und ob die Bewohner des Lower Nineth Wards jemals zurückkommen werden, gilt selbst unter eingefleischten Berufsoptimisten als unwahrscheinlich.
Daher erstaunt es nicht, dass sich viele Leute in New Orleans bereits auf einen deutlich kleineren Ort einstellen. "Eine Familie mit Kindern, die anderswo einen Platz gefunden hat, wird dort bleiben", ist sich der Event-Manager Donald Roth sicher. Eine Kommission der Stadtverwaltung hat schon mal versucht, den neuen Realitäten ins Auge zu sehen: Sie empfahl, erst nach einem viermonatigen Moratorium über den Wiederaufbau der einzelnen Bezirke zu entscheiden. Wenn nicht genügend Menschen zurückkommen, solle platt gemacht und eine Parklandschaft angelegt werden, lautete der Vorschlag. Danach brach eine Protestlawine los. Vor allem Ärmere, die spätestens zum 1. März ihre Hotelunterkunft auf Staatskosten räumen müssen, haben Angst, auf der Straße zu landen.
Nach Angaben von Experten gibt es nur eine Möglichkeit, ganz New Orleans langfristig zu erhalten: Wenn viele Milliarden Dollar fließen. "Da weite Teile der Stadt unter dem Meeresspiegel liegen, müssten sie künstlich durch Sand und Erde angehoben werden - das wäre ein Mammut-Projekt", betont der Geologe Mark Kulp von der University of New Orleans. Darüber hinaus sei es notwendig, die Hochwasserdämme so zu befestigen, dass sie auch einen Wirbelsturm der schlimmsten Kategorie aushalten könnten. Ob derlei Planspiele überhaupt angestellt werden, ist jedoch mehr als fraglich. Die Stadtverwaltung, der Staat Louisiana und die Bundesbehörden in Washington schieben sich bereits bei der Finanzierung der Hurrikanschäden gegenseitig den Schwarzen Peter zu.
Die Karnevalisten stört dies einstweilen wenig. In den Hallen der Dekorationsfirma Kern Studios bekommen die Umzugswagen aus Styropor, Fiberglas und Pappmaché den letzten Schliff: Handwerker bemalen Drachen, Dinosaurier und Fabelwesen. Auch "Katrina" hat es nicht geschafft, die Welt hier aus den Fugen zu reißen. Bei der Frage, ob er wenigstens einen Moment daran gedacht habe, 2006 auf den "Mardi Gras" zu verzichten, muss Kern-Sprecher Patrick Porter lachen: "Das wäre genauso, als wollte man Weihnachten abschaffen."
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